Kanak Attak

[DE] "Kanak Attak ist eine Künstlertruppe, eine Hip-Hop-Gruppe, ein Büro mit Sekretär und Konto, ein Haufen postkolonialer Lesben, eine Untergruppe von attac. Kanak Attak ist ein Film, ist Performancekunst, eine Ansammlung diskursiver Überintellek- tueller, irgend etwas von Feridun Zaimoğlu, ein westdeutscher Akademiker/-innen- verein, ein türkischer Fernsehsender, ein Haufen biodeutscher Antirassist/-innen, ein Migrant/-innenverbund, ein Forschungs- und Studienobjekt, das Versprechen einer neuen Politik, das Ende der Dialogkultur, eine Erfolgsgeschichte, ein Mythos, eine Projektionsfläche, eine Webseite, ein Franchisingunternehmen, ein Manifest, ein Label, ein Netzwerk. Kanak Attak war gestern, Kanak Attak ist noch nicht vorbei, Kanak Attak trägt Kennzeichen einer neuen sozialen Bewegung, Kanak Attak ist ein Archiv, eine Gruppe Amateurhistoriker/-innen, ein loses Bündnis, eine Ansammlung von Großmäulern, von Geschichtenerzählern/-innen, Kanak Attak tanzt dir die Migration, Kanak Attak ist der Versuch, auf der Bühne gut auszusehen, ohne zu wissen, wie das genau geht. Kanak Attak ist: eine Haltung." (Nanna Heidenreich, "Die Kunst des Aktivismus. Kanak Attak revisited", in: Burcu Dogramaci (Hg.): Migration und künstlerische Produktion. Aktuelle Perspektiven, Bielefeld: transcript 2013, S. 347-360.)

Kanak Attak ist ein antirassistisches Netzwerk, das von 1998 bis 2009 bestand. Es hat wesentlich zu einer radikalen Umformatierung antirassistischer Politik und rassismuskritischer Ansätze beigetragen und auch dazu, dass Migration aus den privaten Archiven Eingang in die offizielle Geschichtsschreibung gefunden hat. Mit aus diesem Netzwerk ist schließlich eine kritische neue Migrationsforschung hervorgegangen, die u.a. in dem Netzwerk kritische Migrations- und Borderregimeforschung (kritnet) organisiert ist. In der Praxis von Kanak Attak wurden Theorie und Recherche, Kunst und Aktivismus zu einem neuen Mix verknüpft. So wurden u.a. die Bühnen- und Interventionsprojekte "Dieser Song gehört uns!" (2001, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin), Konkret Konkrass (2002, Volksbühne Berlin, Schauspiel Frankfurt), Doenerstress (2004, Prater) und Le Show Papers Royale (2003, 2004, SO36, Theaterhaus Stuttgart, Schauspiel Hamburg) realisiert.

2009 produzierte Kanak Attak die Performance "The Walking Cube", die zuerst im Haus der Kulturen der Welt in Berlin im Rahmen von "In der Wüste der Moderne. Koloniale Planung und danach" (kuratiert von Marion von Osten, Serhat Karakayali, Tom Avermaete) präsentiert. Sowie im Anschluss in einer neuen Version bei "Crossing Munich", einem forschenden Ausstellungsprojekt, das Geschichte und Gegenwart der Migration in München neu erzählt.

Eine performative Verknüpfung von Architektur, Macht, Migration und Widerständen: Die vier Wände des wandernden Kubus engen die Performer ein, die die Last der mobilen Behausung tragen. Es ist eine Enge, die die "Gastarbeiterwohnheime" oder die Container von Flüchtlingslagern zitiert. Nie steht diese Behausung ruhig, selbst im Stillstand ist vibrierende Spannung zu fühlen. Unruhig auch die Projektionen, die die Wände treffen oder verfehlen: Fotos, Zeitzeugenberichte, Artikel, Filmsequenzen zur Lage in Deutschland bringen den Raum zum Sprechen und Geschichten Risse ins Gefüge. Sprachgebäude treffen auf Architektur. Diese vielen Facetten entsprechen der Vielstimmigkeit der Soundpartikel, die den Wandernden Kubus einhüllen.